Paläste für das Volk – Die Moskauer Metro

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Sie sollte nicht nur eine funktionale U-Bahn werden wie so viele andere auf der Welt. Sie sollte Ausdruck der Überlegenheit des sozialistischen Systems werden – die beste Metro der Welt – in der Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates. Das sozialistische System kollabierte, die Paläste für das Volk überdauerten.

 

Weitläufige Bahnhöfe mit Kronleuchtern, riesige Hallen mit Rolltreppen, die in unendliche Tiefe führen und Mosaik geschmückte Säale spiegeln die sozialistische Utopie wieder. Hammer und Sichel verzieren Säulen. Deckenmosaike zeigen die Szenen von sozialistischen Bauern. Lenin adressiert die Arbeiterschaft und heldenhafte Flugzeuge schmücken Decken. Wahre Prachtbauten unter der Erde.

Der Bau beginnt

Die Idee für die Moskauer Metro reichte bis ins Zarenreich zurück. Durch den Ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution und dem anschliessenden Bürgerkrieg musste der Bau der Metro allerdings zurückgestellt werden. Im Jahre 1931 war es dann soweit: das Zentralkomitee der kommunistischen Partei der UdSSR entschied sich für den Bau einer Untergrundbahn für die wachsende Hauptstadt. Die erste Linie war 11,6 km lang, hatte 13 Stationen und verband die Strecke zwischen der Sokolniki und dem Park Kultury. Ab Mitte 1934 beschäftigte das Moskauer Metro Projekt rund 75000 Personen.

Das Konzept der Metro

Für den Bau der Metro wurde ein außergewöhnliches Architekturkonzept entwickelt. Ziel war es, dass die Passagiere nicht merken sollten, dass sie sich mehrere Meter unter der Oberfläche befanden. Zwei Grundtypen von Bahnhöfen versteckten sich hinter den monumentalen unterirdischen Palästen. Stationen mit geringer Tiefe besitzen flache Decken (Ausnahme bildet hier die Station der Leninbibliothek), Stationen in großer Tiefe bekamen gewölbeartige Formen. Alles was nur entfernt an einen Bahnhof erinnerte, wurde gleich wieder verworfen.

Zweiter Weltkrieg

Die Bauarbeiten der Metro mussten durch den Ausbruch des zweiten Weltkriegs gestoppt werden. War die Metro vorher berühmt für Ihre Pracht und ein Aushängeschild des Sozialismus, so nahm sie während des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Rolle ein. Jetzt bewährte es sich, dass die U-Bahn Stationen so tief lagen, denn sie wurden in Luftschutzbunker umfunktioniert. Bereits 1941 wurden einige Stationen der Metro als Kommandozentralen für die Rote Armee umfunktioniert; seit den Luftangriffen der Deutschen gewährten die tiefer liegenden Stationen der Moskauer Bevölkerung Schutz und Sicherheit. Ein Großteil des Lebens spielte sich für viele Moskowiter in der U-Bahn ab: Feldbetten wurden aufgestellt, Metrowaggons beförderten Lebensmittel und Medikamente zu den einzelnen Stationen, Bibliotheken wurden unterirdisch eingerichtet selbst Filmvorführungen wurden organisiert. Ab 18.00 Uhr wurde der Verkehr eingestellt und für ca. 15 Millionen Menschen wurde die Metro der Ort des Überlebens, 150 Babys erblickten dort das Licht der Welt.

Als sich herauskristallisierte, dass die Deutschen keine Gefahr mehr für Moskau darstellten, wurden die Bauarbeiten an der Metro wieder aufgenommen unter dem Motto „Das ganze Land baut die Metro“. Die U-Bahn wurde zum Prestigeobjekt. Sie sollte über die Landesgrenzen hinaus zeigen, dass trotz Kriegs die wirtschaftliche Macht der UdSSR ungebrochen war.

Die Ringlinie – Kolzewaja-Linie

Die Kolzewaja-Linie gilt als U-Bahnlinie mit den prächtigsten Stationen, die im klassisch sozialistischen Stil gehalten sind. Jede Station musste dem Anspruch „Palast für das Volk“ gerecht werden und nur die renommiertesten Architekten der Sowjetunion bekamen hierfür Aufträge. Herausragend ist die Station Komsomolskaja: eine 12 m breite und 9 m hohe von Marmorsäulen getragene Stationshalle mit Mosaiken und Basreliefs an den Decken, die auch acht Edelsteinmosaike beinhalten. Glasmalereien schmücken die Station Nowosloboskaja  und die Station Kiewskaja drückt die russisch-ukrainische Freundschaft in prachtvollen Mosaiken aus.

Eine interessante Legende wird mit dem Ursprung Ringlinie assoziiert. Eine Gruppe von Ingenieuren legte Stalin einen Plan für die Metro vor. Während dieser den Plan studierte, schenkte er sich – so die Legende – eine Tasse Kaffee ein und vergoss einen Teil des braunen Getränks. Als er gefragt wurde, ob er mit den Plänen und Fortschritt des Metrobaus zufrieden sei, stellte er die Tasse auf den Plan und verließ schweigend den Raum. Die Tasse hinterließ einen braunen Ring auf dem Metroplan. Stalin gab den Hinweis. Die Ingenieure realisierten, dass es genau das war, was bisher gefehlt hat, eine braune Ringlinie und gaben Anordnung für die Planung und den Bau der Kolzewaja-Linie.

Die Metro heute

Nach dem Tod von Stalin machte die Extravaganz der Ausstattung der U-Bahn der Funktionalität und Sicherheit Platz. Heute umfasst die Metro 176 Stationen, wovon ein Teil überirdisch liegt und als Hochbahn ausgebaut wurde. Die Gesamtlänge des Streckennetzes umfasst an die 280 km und erreicht auch die Vororte von Moskau. Täglich benutzen über 9 Millionen Fahrgäste die Metro. Sie gehört nicht nur zur tiefsten, sondern auch zur einer der meist benutzten Metros der Welt und wird immer noch weiter ausgebaut.

Baubeginn 15. Mai 1935
1. Linie Rote Linie: 11,6 km zwischen Sokolniki und Park Kultury
Anzahl der Stationen (2005) 176, 56 Umsteigebahnhöfe
Gesamtlänge des Streckennetzes (2005) 278,3 km
Anzahl der Waggons (2005) 4421
tägliche, durchschnittliche Fahrstrecke pro Waggon 517,7 km
Längste Linie 41, 5 km, Serpuchovska ‚ Timirasewskaja (graue Linie)
Längster Bahnhof 270 m, Worobjowyie Gory
Anzahl der Fahrgäste Über 9 Millionen täglich
Spurbreite 1524mm

 

Photos & Story: Sabina Herbst