Wenn ein Traum in Erfüllung geht (Mount Kilimanjaro)

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1976 ein 10 jähriger Junge hängt ein Bild an seine Kinderzimmerwand. Es ist nicht etwa ein Fussballstar oder ein Formel 1 Rennfahrerposter. Nein, es zeigt die Amboseli-Nationalpark mit einer Giraffen-Herde und im Hintergrund der gigantische Kilimanjaro. Schon als kleiner Knirps hat mich dieser Berg fasziniert und in seinen Bann gezogen.

Obwohl in der Teenagerzeit Poster von ABBA, Queen oder KISS dazu kamen, hatte mein Berg über 30 Jahre lang einen festen Platz, wo immer ich auch lebte. Jeder kennt das, es gibt Dinge im Leben, die vergisst man nie, die bleiben haften und wie ein Bild steht’s in Erinnerung.Bei mir passierte es  im Jahr 1999. Ich war an der Freizeit & Sportmesse in Zürich. Mein Blick blieb wie gebannt auf einem wunderschönen Plakat hängen. Ich kannte die Bilder sofort; Tansania und der unverwechselbare Kilimanjaro!

Bilder und Emotionen die mir jedes Mal unter die Haut gehen. Der Reiseveranstalter und Bergführer am Stand erzählte, dass man in fünf Tagesetappen auf das Dach Afrikas wandern kann ohne Hochgebirgs- oder Klettervorkenntnissen zu haben. Spontan wurde ich immer neugieriger. Wenige Stunden später sass ich bereits an einem Vortrag über den Reiseablauf und sah gebannt auf die Diashow.

Da will ich hin !!!

Aus diversen Gründen dauerte es doch noch ein paar Jahre bis ich im 2007 mit den Vorbereitungen zur Kiliexpedition starten konnte. Natürlich brauchte es auch etwas an Ausrüstung. Ohne Gebirgstüchtige Bekleidung, Schuhe, warme Funktionswäsche, Schlafsack ect geht gar nicht’s. Nicht zu vergessen, die Gelbfieberimpfung (zwingend zur Einreise in Tansania) und eine Malaria-Profilaxe. Ich war froh, nahm ich mir so viel Vorbereitungszeit. Das ganze Reiseprogramm beinhaltete nach dem Gipfel noch einige Safaritage und Badeferien im Mombasa, an der Diani Beach, bekannt für ihre kilometerlangen, weissen Traumstrände. Das machte die „Packerei“ nicht einfacher, musste man mit Temperaturen von minus 15 Grad, bis zu über 30 Grad Hitze rechnen und mehr als 20Kg Gepäck war nicht erlaubt. Die Zeit ging schnell voran und am 25. Februar 2008 wurde ich früh morgens von einem befreundeten Ehepaar zum Flughafen gefahren. Ich freute mich riesig, war aber auch sehr nervös, habe ich alles gepackt? Wie ist die Gruppe ? Schaff ich den Aufstieg bis zum Gipfel ? Obwohl ich Marathon laufe, zweifelte ich manchmal. Die unberechenbare Höhenkrankheit hängt wie ein Damoklesschwert über jedem Gipfelstürmer. Es ist nicht auszuschliessen, dass ich als Sportler, Nichtraucher und im Besten Alter davon verschont bleibe. Auch die Reaktion auf die dünne Luft auf fast 6000 MüM ist nicht trainierbar und daher ein Unsicherheitsfaktor.

Auf los geht’s los.

Der Flug nach Nairobi Kenya und der Weiterflug zum Kilimanjaro Airport in Tansania, verliefen ruhig.  Ein sehr langer Reisetag ging zu ende und ich fiel müde aber glücklich in Marangu, am Fusse des Kili’s, ins Bett. Am nächsten Morgen ging’s mit dem Jeep zum Gate des Kilimanjaro-Nationalpark. Das persönliche Gepäck übernahm ein einheimischer Träger. Ich hatte nur den Tagesrücksack und die Fotoausrüstung zu tragen. Nachdem unser Schweizer Berg-und Reiseführer die Einschreibeformalitäten erledigte, ging’s mit den örtlichen Bergführern endlich los.

Der Weg ist das Ziel.

Der Weg führte uns zuerst durch den Urwald/Gebirgsregenwald-Gürtel, der den ganzen Kili wie ein grünes Korsett umgibt. Nach etwa vier Stunden wandern in dieser Wildnis, immer wieder hörte man das Gekreische der Affen, erreichten wir die Mandara Hütte auf 2700 MüM, unsere erste Unterkunft. Kleine Hütten für je 4 Personen, einfach aber sauber. Das Abendessen wurde von der gruppeneigenen Küchenmannschaft gekocht. Das Essen war wirklich köstlich, Suppe, Fleisch, Teigwaren, frisches Obst zum Dessert! Unglaublich! Wenn man bedenkt, alles wird zu Fuss  hinauf getragen, alles! Die erste Nacht im Mumienschlafsack im 4-er Schlag war okay. Am morgen setzten wir unseren Aufstieg durch den Regenwald fort. Ich freute mich über die Colobusaffen und vielfältige Pflanzenwelt. Abrupt wechselte die Landschaft ihr Gesicht. Vom grünen Dichtick in die Heidelandschaft. Ginsterbäume, Proteas, Fackellilien und Erikabüsche säumten den Weg. Angenehm windet sich der Weg durch das hohe Steppengras. Fast unmerklich „Erklimme“ ich so gute 1000 Höhenmeter.

Die Diva vor Augen

Unvermittelt sehe ich bergwärt’s  das Wunschziel vor Augen. Jetzt bei schönstem Wetter ist der Blick auf den Kili endlich frei und atemberaubend schön.  Mit seiner weissen Kappe sah er so unnahbar aus, wie eine eitle Diva. Obwohl wir auf beinahe 3700MüM waren, sah er immer noch so unglaublich hoch, gewaltig und schier unerreichbar aus. Das ganze Panorama, einfach nur eindruckvoll!  Mein heutiges Schlafgemach liegt auf 3718 MüM.  Auch diesen Hütten sind einfach aber sauber. Am folgenden Morgen war es kalt wie man es in den Bergen eigentlich erwartet. Die Sicht glasklar und man sah auf das Wolkenmeer, dass wie eine flauschige Daunendecke zu unseren Füssen lag.  Dieser Tag war von Veranstalter als sogenanter „DepoTag“ eingeplant. Er sollte helfen, meinen Körper an den Höhenunterschied zu gewöhnen. So stieg die Gruppe nach dem ausgiebigen Frühstück gemütlich auf ca. 4200 MüM, vorbei am Zebrafelsen.  Als stetiger Begleiter stand der Mawenzi (der Dunkle) aristokratisch zu unserer rechten. Sehr eindrücklich waren die vom aussterben bedrohten Senezien die mannshoch werden können. Die Höhe machte mir bis anhin keine Probleme, auch meine Beine taten ihre Arbeit. Zum Glück und auf anraten hin, habe ich schon vor Monaten meine Bergschuhe gut eingelaufen. Einige in der Gruppe hatten bereits leichte Anzeichen der nicht zu unterschätzenden Höhenkrankheit. Kopfschmerzen und Übelkeit, auch Durchfall plagten diverse „Mitkämpfer“.  Auch diese Nacht verbrachten wir auf 3718 MüM. Es war unglaublich, am Nachmittag war ich teilweise noch im T-Shirt marschiert, frühmorgens war es jedoch sehr kalt. Nach dem Frühstück ging es wieder los. Vorerst an den Senezien vorbei, veränderte sich die üppige Vegetation nach der letzten Wasserstelle in eine öde Vulkanlandschaft. Der Kili (der Helle) erhebt sich stolz und majestätisch vor uns.  Der weisse Gletscher blinzelt uns aufmunternd zu. Über 4000MüM durchqueren wir gemächlich die von Lavasteinen übersäte bizarre Hochwüste. Es wurde immer steiniger und steiler. Endlich erreichten wir die Kibo Hütte auf 4700 MüM. Nach einer kurzen Pause bereiteten wir die ganze Hochgebirgsausrüstung für den Gipfeltag vor. Spätestens jetzt spürt jeder die Tücken der dünneren Luft. Wollte man rasch etwas erledigen, Rucksack packen, Schlafsack ausrollen ect. begann der Puls zu rasen und der Atem wurde schwerer.  So ging spätestens jetzt das Wort Pole Pole (langsam) in unser tun über. Nach dem Nachtessen war Bettruhe, schlafen konnten die wenigsten. Entweder hatte man Kopfschmerzen oder war nervös.

Körper und Seele im Ausnahmezustand

Um Mitternacht weckte uns der Bergführer. Ich war nervös, hatte leichte Kopfschmerzen aber ansonsten fühlte ich mich gut. Das war also der entscheidende Tag, er begann in den ersten Morgenstunden. In der Dunkelheit, nur mit Stirnlampe als kleine Lichtquelle, stiegen wir in freudiger Erwartung dem magischen Ziel Schritt für Schritt näher. Der Weg wurde immer steiniger . Das vorwärts kommen auf der Vulkanasche und dem Lavageröll ging von Anfang an ganz schön in die Beine. Nur ganz langsam kamen wir voran, niemand sprach ein Wort. Der Atem und die Schritte wurden schwerer. Es war eine klare kalte Nacht und der gigantische Sternenhimmel spektakulär. Ich spürte, wie ich langsam an meine Leistungsgrenze stiess.  Einige Gruppenmitglieder mussten sich mehrmals Übergeben. Kurz vor Tagesanbruch erreichten wir den GILMANS Point auf 5715MüM.

Völlig hingerissen bewunderte ich das faszinierende Naturschauspiel. Der Himmel verfärbte sich und endlich wurde der oberste Rand der roten Sonne sichtbar. Fantastisch! Mit dem Aufgang der Sonne kam bei uns allen wieder die Kraft und der Wille auch noch die letzte Stunde unter die Füsse zu nehmen. Am Kraterrand  verzauberte mich der Ausblick bis nach Moshi, der gegenüberliegende Mawenzi und der Mount Meru bis hin zur Massai-Steppe. Jetzt konnte ich die gesamte Ost- und Südflanke bis hin zu den Para-Bergen sehen. Das Gefühl, gleich fliegen zu können übermannte mich. Entlang des Kraterrandes stiegen wir weiter bis zum UHURU-PEAK auf 5895 MüM. Der Gletscher und die Aussicht vergesse ich nie!

Ich stand am 1. März 2008 um 07:15 auf dem höchsten Berg Afrikas

beziehungsweise  der höchste, freistehende Berg der Welt. Ich war überwältigt, bewegt, glücklich, stolz, in Emotionen gefangen die mit Worten nicht auszudrücken sind. Ich hatte es geschafft ! Ich durfte mir meinen Traum erfüllen. Doch viel Zeit am Ziel seiner Träume zu sein blieb mir nicht. Schnell, schnell ein paar Erinnerungsfotos und schon musste der Rückmarsch angetreten werden. Erst jetzt wurde mir bewusst, was ich in den vergangen Stunden geleistet habe. Der schnelle und steile Abstieg ging in die Knochen.  Doch wenn das Herz jubelt, tanzen die Füsse. Zurück in der Kibo Hütte auf 4720 MüM gabs eine kleine Zwischenverpflegung. Dann ging’s weiter  zur Horombo Hütte auf 3718 MüM.

Das war die Königsetappe, wir waren an diesem Tag etwa 12 Stunden am wandern. Es ist äusserst wichtig, die grosse, ungewohnte Höhe schnell zu verlassen. Von unserer neunköpfigen Gruppe erreichten 8 den Gipfel. Zurück in Marangu gab’s nach der ersehnten Dusche ein Trägerfest. Wir konnten uns bei den einheimischen Heinzelmännchen bedanken, denn ohne sie hätte niemand den Gipfelsturm geschafft. Ihre ruhige, geduldige und ständig positive Einstellung hat allen geholfen dieses unvergessliche Abenteuer zu bestehen. Ich habe grossen Respekt und Hochachtung vor diesen Menschen für ihre körperliche Leistung und ihr menschliche Sozialkompetenz.

Die ganze Reise, der Gipfelbesteigung und die Safari waren Traumhaft. Ich könnte mir vorstellen diesen wunderbaren, schönen, wilden aber auch armen Kontinent mit ihren fröhlichen Menschen wieder zu besuchen.


Story & Photos Peter Schenk