… und das Orakel sprach: „Erkenne Dich selbst…” – UNESCO Welterbe: Apollonheiligtum in Delphi

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Nach der Legende prophezeite das Orakel dem Koenig von Theben Laios, dass dieser einst durch seinen Sohn zu Tode kommen würde. Darauf liess Laios seinen Sohn Ödipus, im Gebirge aussetzen. Gefunden und aufgezogen von einem Hirten wuchs Ödipus auf, ohne sich seiner Herkunft bewusst zu sein. Er verliess seinen Pflegevater nachdem ihm das Orakel voraussagte, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten würde.

Auf seiner Wanderung begegnete er dem König von Theben, der Ödipus für einen Räuber hielt und ihn nicht weiterziehen lassen wollte. Darauf erschlug der Sohn den Vater. ödipus löste anschliessend das Rätsel der Sphinx, die Theben in ihre Gewalt gebracht hatte. Zur Belohnung bekam er die Königin von Theben zur Frau, die seine Mutter war. Die zweite Prophezeiung des Orakels von Delphi erfüllte sich.

Der Mittelpunkt der antiken Welt

Als Mittelpunkt der Welt galt Delphi den Griechen in der Antike. Der Legende nach liess Gott Zeus zwei Adler an den zwei Enden der Welt aufsteigen. Diese trafen sich in Delphi, dem Omphalos, der Nabel der Welt.

Das griechische Wort Delphi leitet sich vom Wort delphos, Gebärmutter, ab und weist auf die alte Verehrungstradition von Gaia, der Erdgöttin hin, die dort bis ca. 8. Jh. v. Chr. verehrt wurde. Der Legende nach vereinigte sich Gaia mit dem Schlamm, der aus dem goldenen Zeitalter übrig blieb. Aus dieser Vereinigung ging der Drache, oftmals auch als geflügelte Schlange bezeichnet, Phyton hervor. Phyton besass hellseherische Fähigkeiten und lebte an dem Ort Delphi. Die geflügelte Schlange sah voraus, dass Apollon, Sohn von Zeus und Leto ihn töten würde und machte sich auf, um die Geburt von Artemis und Apollon zu verhindern. Allerdings fand er Leto nicht und Apollon übernahm die Aufgabe Phyton zu jagen. Am Ort Delphi erlegte er den Drachen. Die hellseherischen Fähigkeiten übertrugen sich auf den Ort, der ab dem Zeitpunkt unter dem Schutz Apollon stand.

Die Zeremonie

Das Orakel galt in der Antike als die wichtigste Kult- und Pilgerstätte. Über dem Eingang zum Orakel war die Inschrift „Erkenne Dich Selbst“ angebracht. Diese Inschrift weist deutlich auf die Absicht des Kults hin: die Lösung von individuellen Problemen durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Person.

Am siebten Tag des Monats war das Orakel zugänglich.Im Winter legte es allerdings eine dreimonatige Ruhepause ein. Teil der Zeremonie war das benötigte Omen, um das Orakel bereitzumachen. Eine Ziege wurde mit eiskaltem Wasser besprengt, rührte sie sich nicht, so war das ein Zeichen für die Nichtbereitschaft des Orakels. Zuckte die Ziege zusammen wurde dies als positives Zeichen gewertet, die Ziege wurde geopfert und die eigentliche Zeremonie konnte beginnen. Nach dem reinigenden Bad und einen Trunk aus der heiligen Quelle begab sich Phythia (das Medium) mit zwei Priestern und den Mitgliedern des Fünfmännerrates in den Apollontempel, um in Trance zu fallen.

Der Trance wurde hervorgerufen durch das Aufsteigen von Gasen speziell Methan und Kohlendioxid, die aus den Gesteinsschichten traten. Dies konnte 2006 von italienischen Geologen nachgewiesen werden.

UNESCO Welterbe seit 1987

Das Dorf Kastri wurde im Mittelalter auf den Ruinen Delphis errichtet. 1892 begannen die ersten Ausgrabungen unter französischer Leitung. Die Bewohner wurden umgesiedelt in das heutige Delphi.

Delphi liegt ca. 160 km von der griechischen Hauptstadt Athen am Fusse des Parnass. Das Apollonheiligtum ist UNESCO Welterbe seit 1987 und erfüllt die Kriterien 1 (Ausdruck menschlicher Schöpferkraft), 2 (bedeutender Schnittpunkt menschlicher Werte bezüglich Architektur, Technologie, Städtebau oder Landwirtschaft), 3 (ausserordentliches Zeugnis einer bestehenden oder untergegangen Kultur), 4 (hervorragende Versinnbildlichung der menschlichen Geschichte durch Architektur / Technologie) und 6 (Verknüpfung mit Ereignissen oder überlieferten Lebensformen, Ideen, Glaubensbekenntnissen etc).

In der angeblich letzten Prophezeiung im Jahre 362 n. Chr. kündigte das Orakel sein eigenes Ende an. Der Arzt Oribasius erhielt folgende Antwort auf seine Frage, ob das Orakel seine Aufgabe noch in der christlichen Welt wahrnehme.

„Künde dem Koenig, das schöngeflügelte Haus ist gefallen. Phoibos Apollon besitzt keine Zukunft, der heilige Lorbeer verwelkt, seine Quellen schweigen für immer, verstummt ist das Murmeln des Wassers….“

Die Quelle ist versiegt, aber das schöngeflügelte Haus ist nicht ganz gefallen. Auch, wenn heute Leute aus aller Welt nicht kommen, um das Orakel zu befragen, so würdigen sie doch den wichtigen Beitrag zur Kulturentwicklung und der ein oder andere mag sich – inspiriert durch die Geschichte des Orakels von Delphi – mit dem Thema „Erkenne Dich Selbst“ auseinandersetzen.