Ein Baustil für die Ewigkeit: Stalinistische Architektur in Moskau

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Gebäude im Zuckerbäckerstil dominieren immer noch die Moskauer Skyline – „Stalins Sieben Schwestern“ weichen so schnell nicht den glitzernden Bürotürmen.

Es sollte nicht nur das höchste Gebäude der Welt werden, sondern auch die Überlegenheit des Sozialismus symbolisieren – der 415 Meter hohe „Palast der Sowjets“, geplant an der Stelle der 1931 gesprengten Christus-Erlöser Kathedrale in der Nähe des Kremls. Realisiert wurde nur das Fundament, der „Grosse Vaterländische Krieg“ stoppte dieses gigantische Bauvorhaben. Mit dem Tod Stalins wurde das Projekt endgültig aufgegeben und das Fundament für das Schwimmbad Moskwa verwendet. 1994 wurde die Christus- Erlöser Kathedrale wieder aufgebaut.

Stalinistische Architektur, auch unter dem Namen „Stalingotik“ oder Zuckerbäckerstil bekannt, bezeichnet den Baustil von repräsentativen Gebäuden unter Josef Stalin in der ehemaligen Sowjetunion. Die stalinistische Architektur war ein wichtiger Bestandteil des sozialistischen Klassizismus, der einzige offizielle Stil unter Stalin, der den Konstruktivismus der russischen Revolution ablöste. Geprägt ist die Stalingotik durch überladene verzierte, palastartige Gebäude mit Säulenhallen und Turmaufbauten. Das Motto des Baustils war „sozialistisch im Inhalt und national in der Form“, Grösse und Form dominierten über Funktion. Typisch sind die Rückbezüge auf die Antike, den Klassizismus gemischt mit der russischen Volkskunst unter Verwendung damaliger modernster Bautechniken, das zu der typischen symbolisch-heroischen Architektursprache führte.

Die Sieben Schwestern

Moskau, das seit 1918 wieder russische Hauptstadt wurde und seit 1922 Hauptstadt der Sowjetunion, erlebte nach der Oktoberrevolution einen drastischen Bevölkerungsanstieg von 2 Millionen auf 3,6 Millionen. Durch dieses Wachstum wurden Anfang der 30er Jahre, umfassende bauliche Massnahmen für die Stadt nötig, die 1935 in einem Generalplan festgeschrieben wurden. Neben dem Abriss von zahlreichen alten Gebäuden im historischen Stadtkern sah der Plan die Errichtung von zahlreichen Hochhäusern entlang der Hauptverkehrsachsen vor. Neben dem grössten Bauprojekt der Moskauer Metro (siehe Artikel: Paläste für das Volk), sollten ausserdem acht besondere Wolkenkratzer an den wichtigsten Plätzen der Stadt gebaut werden, die das Stadtbild architektonisch dominieren sollten, um die Lücken in der Moskauer Skyline, die durch den Abriss historischer Gebäude entstanden, zu schliessen. Allerdings wurde mit dem Bau erst 1947 begonnen.

Sieben von den acht Hochhäusern wurden verwirklicht und gingen in die Geschichte als die sieben Schwestern ein. 1947 wurde mit der Grundsteinlegung der Lomonossow- Universität  das erste Gebäude auf dem Sperlingsberg begonnen. Die gesamte Bauzeit der Sieben Schwestern dauerte insgesamt zehn Jahre. Das Wohnhaus am der Kotelnitscheskaja Uferstrasse, war das erste Gebäude der sieben, das fertig gestellt wurde. Das Hotel Ukraine wurde 1957 als letztes beendet.

Das Ende einer Ära

Am 7. Dezember 1954 beendete Chruschtschow auf der Unionskonferenz der Baufachleute der UdSSR offiziell die stalinistische Architekturperiode. Millionen von Obdachlosen als Folge der stalinistischen Städteplanung benötigten dringend Unterkunft. Anstelle von Prachtbauten sollten die billigen Plattenbauten dieser Not schnell Abhilfe schaffen.

Im 21. Jh. erfreut sich der Zuckerbäckerstil wieder mehr Beliebtheit. Die massiv und fein dekorierten Ziegelbauten stehen der Monotonie und labilen Bauweise der Plattenbauten aus den 60er, 70er und 80er Jahren entgegen und rufen auf dem Moskauer Immobilenmarkt reges Interesse hervor. Man denkt sogar daran, das achte Hochhaus den „sieben Schwestern“ hinzuzufügen. Der „Palast der Sowjets“ wird allerdings ein unvollendetes Projekt bleiben.