Auch die Götter sind nicht allwissend – Eine Reise zu den (UNESCO) Maya Stätten in Mexiko, Belize und Guatemala

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Wir stehen im dichten Dschungel. Hohe Bäume lassen kaum Licht durch. In der Dämmerung kann ich einen Hügel ausmachen. Ein Rascheln geht durch das Laub. Langsam nähert sich der majestätische Jaguar. „Komm mit“ wispert er rau, „lass uns die Reise beginnen…“

Caracol – Die Schnecke von Belize

Mein Reiseführer ist der Jaguar, der bei den Mayas als Gott verehrt wurde, der die Königsmacht und die Sonne in der Unterwelt symbolisierte und mit Tod und Opferung assoziiert wurde. Wir erreichen eine grosse Lichtung. Hier haben die Archäologen den Urwald gerodet und die Tempel freigelegt.

Wir befinden uns in Caracol in Belize, 40 km südlich von San Ignazio an der Grenze zu Guatemala. „Dies ist kein UNESCO Welterbe, aber genauso bedeutend wie die anderen Mayaruinen, die wir auf der Reise besichtigen werden. Die grösste Mayastätte in Belize ist eng mit der Geschichte Tikals in Guatemala verknüpft und ihr Einzugsgebiet war zur Blütezeit grösser als die wichtigste Stadt des Landes Belize City. Mein Blick wandert zu der grössten Pyramide Caracols, 43m ist diese hoch. Ein Kribbeln macht sich in meinem Bauch breit. Meine Reise mit dem mythologisch-göttlichen Tier der Mayas wird sicher ein unvergessliches Erlebnis.

Tikal – die Blume Guatemalas

…. und schon befinden wir uns in Tikal in Guatemala, das sich über ein Gebiet von 65km2 erstreckt. Tikal war eines der bedeutendsten Städte während der klassischen Mayaperiode, die vom 3. bis zum 9. Jh. reichte. Die Wurzeln dieser Stadt lassen sich bis ins 1. Jahrtausend v. Christus zurückverfolgen.

„Was du hier siehst“, erzählt der Jaguar „ist nur ein kleiner Teil, von dem was es einmal war“. Bis jetzt hat man nur 3000 Strukturen ausgegraben – aber es sind viele tausende mehr. Zur Blütezeit lebten in ‚Gross-Tikal’ ca. 200 000 Menschen, davon ca. 50 000 im Zentrum.

„Komm weiter zum grossen Platz und den Stufenpyramiden, die mit ihren 40m und 47m zu den grössten Mittelamerikas gehören. Es verschlägt mir fast den Atem, als ich den Platz sehe, der eingerahmt ist von den Pyramiden, Zentralakropolis und dem Palast auf der Südseite, der die Unterwelt verkörperte. „Wir konzipierten Tikal auf unserem Weltbild“, fuhr  die grosse Raubkatze fort.  Der für die Mayas berühmte Ballspielplatz darf auch nicht fehlen. Wir finden ihn zwischen dem ersten Tempel und der Zentralakropolis.

„Den ersten Glanzpunkt erreichte Tikal im 5. Jh. als es der damaligen Herrscherdynastie gelang, einen Kleinstaat nach dem anderem zu unterwerfen, der letztendlich zum Konflikt mit dem Nachbarstaat Calakmul führte, der dann in den Konflikt zwischen Tikal und seinem Vasallenstaat Caracol eingriff und 562 in einem offenen Krieg zwischen Tikal und Calakmul endete. Tikal musste eine schwere Niederlage erleiden, von dem es sich über 100 Jahre nicht erholte. Im 7. und 8. Jh. erreichte es eine neue Glanzzeit mit grosser wirtschaftlicher Stabilität und Wohlstand, welches zu weiteren grossen Bauvorhaben führte“.

„Der plötzliche Niedergang setzte zu Beginn des 9. Jh. ein. „Ich kann mich nicht mehr genau erinnern“, sagte der Jaguar. Die Ereignisse sind so fliessend, berichtet der Jaguar. Machtverlust der Eliten, massive Abwanderung und eine Dürreperiode in Yucatan. All dies und noch mehr führte zum gesamten Kollaps der Mayazivilisation“. Die letzte Stelendatierung stammt aus dem Jahr 879, damit war Tikal eines der längsten überlebenden klassischen Mayastätten.

Calakmul – die Schlange im Süden Yucatans

Eine weitere Reise steht uns bevor – zum Rivalen von Tikal, der Stadt Calakmul im südlichen Yucatan. Die Ausgrabungen sind hier noch weniger als in Tikal. Calakmul war auch kleiner als der Rivale aus dem heutigen Guatemala. Man schätzt ca. 5000 Gebäude, davon 100 Kolossalbauten auf ca. 30 km2. Doch die Einwohnerzahlen waren mit Tikal vergleichbar.

Mein mythologischer Führer läuft voran durch den dichten Dschungel. „Die Fundamente der Pyramiden, wobei die grössere 45m misst, stammen übrigens aus der Präklassik, die Zeit in der Calakmul bereits besiedelt war. Im 6. Jh. etablierte sich Calakmul als regionale Grossmacht und baute sich ein Netz von Versallenstaaten auf. Die aggressive Expansionspolitik wurde unterstützt mit Überfällen auf andere Staaten. So wurde Palenque, unser nächstes Ziel, Opfer Calakmuls überfallen Ende des 5. Jh. bis zu Beginn des 6. Jh.

Ende des siebten Jahrhunderts als Tikal wieder zur Grossmacht aufstrebte und die Versallenstaaten Calakmuls erorberte, beginnt der Niedergang der Stadt. Die letzte Datierung stammt aus dem Jahre 909. „Aber ich glaube mich zu erinnern, dass die Stadt auch danach weiter besiedelt war“, höre ich die traurige Stimme des Jaguars sagen

Palenque – der enge Verbündete Tikals

Endlich erreichen wir Palenque – die Mayaruinenstadt umgeben vom Tieflandschungel im mexikanischen Bundesstaat Chiapas und eines der frühesten erforschten Majastädten. Das bekannteste Gebäude ist der Tempel der Inschriften. Fast alle Gebäude wurden mit detaillierten Stuckreliefs verziert – das gibt der Stadt eine ganz besondere Eleganz.

„Die ersten Spuren einer Besiedlung stammen aus dem 4. Jh. Aber die Gründungszeit Palenques liegt im Dunkeln. So richtig kann ich mich erst an das 5 Jh. erinnern, indem Palenque zu einer lokalen Grossmacht avancierte und natürlich an die Zerstörungen durch das 200 km entfernte Calakmul im Jahre 599 und 612.“

„Der letzte kalendarische Eintrag wurde auf einer Tonscherbe für das Jahr 799 gefunden. Palenque wird nochmals im Zusammenhang mit Comalcalco, der westlichsten Maya-Stadt im heutigen Staat Tabasco, erwähnt. Hiernach war Palenque eines der grossen Zentren der Mayahochkultur der klassischen Periode, die dem allgemeinen Kollaps der Mayas im südlichen Tiefland zum Opfer fiel.“

„Und jetzt weiter zu unserem letzten grossen UNESCO Welterbestätten Uxmal und Chichen Itzá .“ Doch auf dem Weg möchte ich dir noch eine meiner Lieblingsorte Edzna zeigen, auch wenn diese nicht Weltkulturerbestatus besitzt, entdeckte fortgeschrittene Technologie macht sie zu einer der interessantesten Mayastädte “, sagte der Jaguar und rannte mit grossen Schritten weiter.

Edzná –  das Haus der Grimassen

 

Die Gegend um Edzná wird häufig durch die starken Regenfälle überschwemmt und um die Überflutungen einzudämmen entwickelten die Mayas hier ein System von Bewässerungkanälen, welche das Wasser zu der in der Nähe gelegenen Lagune hin entwässerte. Die Lagune selbst wurde als Reservoir benutzt. Die Wasserkanäle wurden ausserdem in der Fischzucht als Verkehrswege und stellenweise als Verteidigung benutzt.

 

Erste Siedlungspuren gehen auf das 1. Jh. zurück und im 4. Jh. begann der Aufstieg eines kulturellen Zentrums im westlichen Yucatan. Zwischen 1450 und 1500 wurde es endgültig aufgegeben.

Uxmal – Ballspiele mit Opfercharakter

Wir erreichen Uxmal, die grosse und kulturell bedeutende Stadt nordöstlich von Edzna. „Was bedeutet der Name Uxmal?“ frage ich meinen Begleiter. „Soweit ich mich erinnere, wurde der Name von ox-mal, was „dreimal“ in der Mayasprache heisst, abgeleitet. Den Höhepunkt erlebte die Stadt in der Spätklassik im 9. und 10. Jh., also um Jahrhunderte später als die Städte im Süden.

Die ausgegrabene Stadt ist überwältigend und wird von der Adivino-Pyramide überragt. Obwohl der grösste Teil von Uxmal freigelegt wurde, liegt die Geschichte der Stadt im Dunkeln. Ungefähr 25.000 Menschen lebten hier auf schätzungsweise 100km2 und charakteristisch sind die grossen fast quadratischen Plätze mit langgestreckten Gebäuden.

Neben dem beeindruckend grossen Gouverneurspalast und dem Schildkrötenhaus fasziniert mich besonders der Ballspielplatz, der Juego de Pelota. Im Gegensatz zu vielen anderen Mayastätten, waren hier die Ringe aus Stein und nicht aus Holz und sind somit noch erhalten. Zwei solide Mauerblöcke, zwischen denen niedrige Bänke standen, rahmen das Spielfeld ein. „Das Ballspiel nahm eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft ein“, erzählt mir der Jaguar. Allerdings sind seine Ursprünge mehr und mehr in Vergessenheit geraten und das mesoamerikanische Ballspiel änderte sich auch in seiner 3000-jährigen Tradition. Soweit ich mich erinnere, durfte der Ball in der Mayazeit den Boden nicht berühren und gespielt wurde es aus der Hüfte heraus. Es war auch keine Sportart, so wie Du sie heute kennst, sondern eine religiöse Tradition – ein Spiel um Leben und Tod. Ein Team wurde immer geopfert, allerdings bin ich mir nicht mehr sicher, ob es der Sieger oder der Verlierer war.

Chichen Itzá – eine Pyramide als Symbol für die ganze Geschichte

Der Jaguar wendet mir den Kopf zu. „Von all den Ausgrabungsstätten in Yucatan ist Chichen Itzá der ausgedehnteste und spielte zwischen dem 8. und 11. Jh. eine überregionale Rolle. Der Name bedeutet soviel wie „Am Rande des Brunnens der Itzá“, eine Anspielung auf die zwei Cenoten, welche den Komplex begrenzen. Wie auch in Uxmal liegt die Geschichte der Stadt im Dunkeln und seine Ursprünge sind widersprüchlich. Komm, ich zeige dir den Höhepunkt und das wohl bekannteste Symbol der Mayas –, die neunfach gestufte Pyramide Kukulcán. Sie ist 30m hoch, besitzt 365 Stufen – für jeden Tag eine – und hat eine Grundkantenlänge von 55m. Die genaue Datierung der Pyramide lässt sich schwer feststellen und man geht von dem Mittelwert 875 n. Chr. aus. Zur Tag- und Nachtgleiche kannst du hier das Schauspiel der gefiederten Schlange sehen, wenn Licht und Schatten so auf die Treppen fallen, dass sie einer sich windenden Schlange gleichen.

Chichen Itzá ist auch bekannt für seine bauakustischen Merkmale. An verschiedenen Stätten hört sich das Echo wie Regen oder andere heilige Tiere, die als Götter verehrt werden, an.

Unsere Reise neigt sich dem Ende zu. Zärtlich streiche ich dem Jaguargott über die sanfte Schnauze. „Und was ist mit dem Mayakalender und die Zeit danach“ frage ich leise. „Ach“, antwortet die Raubkatze, „auch wir Götter sind nicht allwissend“, zwinkert er mir zu und springt in den dichten Urwald. Langsam gehe ich zum Ballspielplatz. In der Mitte klatsche ich in die Hände. Das Brüllen des Jaguar antwortet mir.

Photos und Story: Sabina Herbst